Freitag, 14. Juni 2013

Lurchi der Schlächter

Und jetzt wieder eine neue Episode von "Meine Fresse, was für brutale Scheiße wir unseren Kindern manchmal vorsetzen."

Zugegeben, wenn Leute wie ich sich darüber aufregen, das Kinderunterhaltung XY zu brutal ist, dann ist das meistens etwas augenzwinkernd gemeint. "Call of Duty und brutal? Habt ihr mal Max & Moritz gelesen?" Ich bin jetzt auch der letzte der Medien irgendeiner Art deswegen an den Pranger stellen will. Eltern sollten wissen was sie ihren Kindern vorsetzen können und auch dies Familie um die es hier geht traue ich einen verantwortungsvollen Umgang mit fragwürdigen Medien zu. Was mich allerdingsnicht davon abhält ein sehr fragwürdiges Stück Kinderliteratur mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ihr alle habt vermutlich schon einmal von Lurchi gehört, dem lustigen gelben Feuersalamander der in Kinderschuhläden immer zu sehen ist. Was ihr vielleicht nicht wusstet, ist, dass es diesen kleinen Kerl schon seit Jahrzenten gibt. Seit 1937 um genau zu sein. Damals führte die Firma noch keine Kinderschuhe im Sortiment und Comics mit Lurchi und seinen Freunden in der Hauptrolle waren dazu gedacht die kleinen Kindern beim Einkauf ruhig zu halten.

Letzte Woche war ich Abends bei Freunden zum Grillen eingeladen und irgendwann war es an der Zeit ihren Sohn, der im August 6 wird, ins Bett zu bringen. Dieses mal war ich an der Reihe ihm eine Gute Nacht-Geschichte vorzulesen. Das aktuelle Buch: Ein Sammelband von Lurchis Abenteuern. Und meine Fresse, ist das eine brutale Scheiße, die wir unseren Kindern manchmal vorsetzen.

Lurchi und seine Freunde reisen also durch die Weltgeschichte und erleben dabei allerlei Abenteuer. Am Ende retten Lurchis Stiefel dann in irgendeiner Form den Tag und alle rufen "hoch leben Salamander!"
In der Geschichte die mir zum Vorlesen vorgesetzt wurde zimmern sich die Freunde ein Boot und gehen auf große Fahrt. Dann, oh Schreck oh Grauß, werden sie auf offener See von einem Sägefisch und einem Tintenfisch angegriffen. Und was macht Lurchi da? Er benutzt seine Stiefel um dem Fisch seine Sägenase abzutreten und benutzt sie als Schwert um den Polypen wie Conan der Barbar in Stücke zu hacken.

The fucking fuck?! Ich meine, klar, das sind "Monster", aber rechtfertigt das diesen Gewaltlevel in einem Kinderbuch? Stellt euch mal vor, Bob der Baumeister fängt plötzlich an Zementschuhe herzustellen! Und da hört es nicht auf, oh nein! Lurchi und seine Todesstiefel reisen durch die Weltgeschichte und sähen Zerstörung. Einmal landet er zufällig in Spanien, inmitten eines Stierkampfs. Aber die Gefahr ist gleich gebannt.
Genickbruch, Ole Ole! Die hat's verdient die Sau... ähm, der Stier.
Und dann ist da noch die Geschichte wo die Freunde einen Stoßzahn von einem Elefantenfriedhof klauen und kurz darauf einen Tiger damit aufzuspießen.

Spaß beiseite, genau so wie Max & Moritz sind diese alten Lurchi Geschichten ein Produkt ihrer Zeit. In den 50ern hat man sich halt noch nicht so viele Gedanken über Jugendschutz gemacht. Oder bedrohte Tierarten.

Kommentare:

  1. Ich verweise hier gerade mal auf einen Schnittbericht zu Lurchi ^^
    http://www.schnittberichte.com/schnittbericht.php?ID=3254

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Ich hatte mich beim Alter des Jungen vertan. Ist jetzt korrigiert.

    Der Link ist witzig. Das ist definitiv eine ganze Ecke harmloser als alles was ich in dem Buch gesehn hab. :D

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  4. Ich hab die Dinger bei meinen Großeltern auch gelesen und kann mich gar nicht mehr an die Brutalitäten erinnern. Wahrscheinlich spiele ich deshalb heute so gerne "Killerspiele" ;)

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  5. Gerade weil Lurchi und seine Freunde in ungewöhnliche Gefahrensituationen gelangen ist das mutige Auftreten Lurchis häufig das einzig plausible Mittel. Dabei muss auch bedacht werden, dass keineswegs Gewalt propagiert wird, Lurchi ist kein launenhafter Gewalttäter, er ist der Retter seiner Freunde und seines Umfeldes.
    Er vermittelte, wenn auch stereotypisch und, wie du ja selbst sagst, zeitlich geprägt, Kulturen (spanischer Stierkampf), Traditionen (Seefahrt und Walfang) und aus heutiger Sicht historische Begebenheiten (Tigerjagt im Königreich des Maharadscha).
    Es sind in den mir bekannten sieben Sammelbänden nämlich keine zwanzig Geschichten die überhaupt Gewalt enthalten.

    Auch haben die Geschichten eine dem Märchen ähnliche Struktur. Nach einer Personen und Situationsbeschreibung erfährt man von einer schweren Bedrohung die zum Schluss durch meist tugendhaftes Verhalten (nach Kant und Herbart), gelöst wird (vgl. Eleasar Meletinsky).
    Auch stilistisch ist der Vergleich zum Märchen eindeutig. Als Prämisse, zum Beispiel, leben und interagieren Fabelwesen und Tiere mit anderen Menschen und Tieren. Förmlich enden die Lurchi-Geschichten, wiederum dem Märchen ähnlich, mit einer (bei dir falsch zitierten) wiederkehrenden Schlussphrase: "Lange schallt’s im Walde noch: Salamander lebe hoch!"

    Zuletzt frage ich mich ob dein Standpunkt nicht von einer weniger plakativen Ausdrucksweise profitiert hätte.

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